Emergenz und Raum halten

„Wir arbeiten mit und in der Emergenz.“ Ja, ich muss zugeben, diese Formulierung ist mir als Neuling in der Art of Hosting-Community am Anfang schon etwas rätselhaft vorgekommen. Mittlerweile würde ich die Emergenz-Arbeit so umschreiben: Ich bin die Gastgeberin für das, was sich gerade entwickeln und in die Welt kommen möchte. Dafür halte ich als Host den Raum und schaffe so die bestmöglichen Bedingungen, dass es auch kommen darf. Und der beste Platz, um das zu lernen und zu trainieren, ist … ja, das ist das Leben.

Gerade mache ich wieder eine solch intensive Phase durch, da mein Vater krank ist und auf der Intensivstation liegt. All meine Februar-Planung hat sich dadurch geändert. Ich bin Anfang dieser Woche die 1.100 km quer durch Europa gefahren, um bei ihm, meiner Mutter und meinen Geschwistern sein zu können. Und diesen Blogpost schreibe ich jetzt in der winterlich verschneiten Steiermark statt in Brüssel. Ich bin täglich im Krankenhaus, aber wirklich „tun“ kann ich wenig bis überhaupt nichts. Es geht vielmehr darum, da zu sein, den Raum zu halten und bereit und offen für das zu sein, was sich entwickelt.

Wiederentdecken, was wir verlernt haben

Ich glaube, als Kind waren wir ganz natürlich im Fluss der Dinge, haben uns ganz natürlich dem Moment und damit der Emergenz hingegeben und sind damit im Fluss der Dinge geschwommen. Haben wir beim Spielen einen Wurm entdeckt, hat sich die ganze Aufmerksamkeit ohne Überlegen auf ihn gerichtet. Egal, was sonst noch da war. Im Laufe der Jahre sind wir oft darauf getrimmt worden, zu planen, zu funktionieren und Listen abzuarbeiten. Dinge, die in diesem System des Funktionierens keinen Platz haben, haben oft auch in unserem Leben keinen Platz mehr. Allerdings passieren sie trotzdem und werfen uns dann umso mehr aus der Bahn.

Gastgeberin sein für gute Gespräche heißt für mich, den Weg zurück zu dieser Ursprünglichkeit, zu diesem Menschsein und dem Un-Planbaren wieder zu finden. Das hat nichts damit zu tun, dass ich als Gastgeberin nichts vorbereite, im Gegenteil! Vorbereitung ist wichtig, eine zu strikte und genaue Planung kann allerdings dazu führen, dass Emergenz verhindert und so das Wertvolle ersticken wird. Sehr schön hat den Unterschied Tim Merry kürzlich auf seinem Blog herausgearbeitet.

Im Galopp die Pferde wechseln

Emergenz beim Hosten kann auch heißen, im Galopp die Pferde zu wechseln. Was ich damit meine ist, dass wir im Team manchmal den Ablauf, der im Vorfeld gut durchdacht und überlegt ist, während eines Prozesses doch noch einmal umschmeißen oder zumindest anpassen. Dies tun wir dann, wenn klar wird, dass die Gruppe etwas anderes braucht oder durch eine Anpassung die Ergebnisse besser sein können. Um das machen zu können, müssen wir unsere Instrumente, unsere Intuition, unser Spüren schärfen und trainieren. Wir müssen alle unsere Sinne in den Dienst des Gespräches stellen.

U.Prozess

Einen theoretischen Hintergrund und viele Beispiele und Anwendungsfelder bietet mir dazu auch gerade der U.Prozess im online-Kurs von Otto Scharmer. Er spricht davon, dass wir uns selbst zu einem Instrument für etwas machen, das noch nicht geboren ist. Wenn du rund 50 Minuten Zeit hast, schau dir doch das Video hier an.

Mit meinem Vater versuche ich, da zu sein und in diesem Sinne den Raum zu halten. Zu sehen und hören, was er sagen will, was ihn beschäftigt und was er loswerden will. Dann sind auch Momente möglich, wo wir gemeinsam in Neues eintauchen und es entdecken. Was immer hilft und erleichtert – im Krankenhaus wie auch beim Hosten -, ist eine gesunde Portion Humor. Lachen befreit und kann so manchen Moment in einen leichten und freudvollen verwandeln.

Lasst uns gemeinsam Räume für gute Gespräche schaffen,

Ilse

 

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