Graphic Recording als eine Form des Harvesting

Heute begrüßen wir Edith Steiner-Janesch als die erste Gastautorin auf dem Blog. Sie „harvestet“, also sammelt, in grafischer Form, was u. a. Art of Hosting-Veranstaltungen ergeben. Mehr über sie findest du auf ihrer Seite Brightpicture.at.

Harvesting versus Resultate

Im Art of Hosting-Ansatz wird bewusst differenziert zwischen „Resultaten“ im Sinne von klassischen Handlungsplänen, Protokollen oder Reports und dem umfassenderen Begriff des „Erntens“. Die Metapher des Erntens öffnet den Raum für sichtbare und unsichtbare Ergebnisse: um zu sammeln, zu kommunizieren und zu würdigen, was in den Gesprächen entstanden ist, um  eine gemeinsame Bedeutung, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen.

So kann es gelingen, dass alle Teilnehmenden gemeinsam spüren und festhalten, was wirklich wichtig ist und was uns weiter bringt. In dem Bemühen, eine gemeinsame Bedeutung geschaffen, wird Ernten zu einer Brücke von Gesprächen zu Handlungen. Auch das Bewusstsein der verschiedenen Ebenen des Erntens – der individuellen, der kollektiven und der gesellschaftlichen – findet Raum in dieser auf natürliche Kreisläufe referenzierenden Metapher.

Erntemethoden

Toke Moeller beschreibt Harvesting als „den Zweck, Menschen zusammen zu bringen, nicht nur, um miteinander zu reden, sondern sich auch darüber auszutauschen, wie wir damit für eine lebensfähige und lebenswerte Zukunft künftiger Generationen sorgen können“. Im Art of Hosting mit seinem starken Fokus auf das Ernten stehen dafür eine Vielzahl von Methoden zur Auswahl, die je nach Aufgabenstellung (oder auch Zugang der GastgeberInnen zu den unterschiedlichen Erntemethoden) eingesetzt werden können. Dazu gehören u. a.:

  • Geschichten (Storytelling)
  • Musik
  • Sketches, Performances, usw.
  • Tanz
  • Zeichnungen
  • … und natürlich auch Reports, Dokumente, usw.

Der Wert, die Kraft dieser Erntemethoden liegt darin, dass die Menschen wirklich verstehen (nicht nur im intellektuellen Sinn, sondern in ihrem ganzen „Menschsein“), worum es geht – also ein „fühlendes Verständnis“ gewinnen über das, worüber gesprochen und woran gearbeitet wurde.

The bigger picture

Die klassische Form des Graphic Recordings ist ein simultan zum Gespräch entstehendes, großformatiges Bildprotokoll, eine Art visuelle Landkarte eines Gesprächs (oder auch einer Keynote, einer Podiumsdiskussion, eines Meetings, …). Gespräche gehen oft verschlungene Wege und Umwege. Wichtige Überlegungen, neue Lösungsansätze und auch kritische Reflexion und Emotionen tauchen auf und gehen wieder unter. Dabei wird weit mehr transportiert als nur das ausgesprochene Wort.

Eine visuelle „Übersetzung“ reflektiert, analysiert und visualisiert das Wesentliche in und zwischen den Zeilen. Klarheit über gewonnene Erkenntnisse, über einen Status quo, über unterschiedliche Perspektiven zu schaffen ist ein überaus wichtiger Aspekt des Erntens – und eine unabdingbare Voraussetzung dafür, die in Gesprächen gewonnenen Einsichten und Learnings auch in Handlungen umzusetzen. Ein gemeinsames „bigger picture“ kann eine wertvolle Unterstützung sein in diesem Prozess der gemeinsam gewonnenen Klarheit, eines kollektiven Verständnisses.

biggerpicture

Ist ein Graphic Recording ein schönes, buntes Bild? Eine farbenprächtige Anordnung von umrahmtem Text? Eine fantasievolle Mindmap? Oder ist es eine klar strukturierte Darstellung der wesentlichen Inhalte eines Gesprächs, das neben Fakten auch Tiefe und Emotion vermittelt, das Farben und Formen sorgsam und nachvollziehbar einsetzt, um unterschiedlichen Ebenen erkennbar zu machen?

Im Sinne des Anliegens, ein gemeinsames Bild zu schaffen, das die Essenz von Gesprächen abbildet, ist es definitiv zweiteres. Dieses “bigger picture“, ein klassisches, großformatiges Graphic Recording, ist bei einem Art of Harvesting- Training im Bregenzer Salon entstanden. Monica Nissen hat über die unterschiedlichen Phasen und Aspekte des Erntens erzählt, das ist die verbildlichte Form der Inhalte.

Andere Formen des visuellen Harvestings

Neben dem klassischen großformatigen Recording, bei dem die anwesenden Menschen mit verfolgen können, wie eine visuelle Landkarte ihres Gesprächs entsteht, können je nach gewählter Methode und Zugang des Hosting Teams auch andere Formen eines Graphic Recordings zum Ernten herangezogen werden,

Storytelling mit Graphic Recording

Hier wird das Recorden eingesetzt, um eine Geschichte zu spiegeln, um wesentliche Aspekte oder Erzählstränge sichtbar zu machen. Marianne Stifel und Reinhard Kuchenmüller wie Ursula Arztmann, Pioniere des Graphic Recordings im deutschsprachigen Raum, arbeiten oft mit dieser kleinformatigen Form des Graphic Recordings: Auf A5-Kärtchen verwandeln die beiden die Essenz von Gesprächen in eine Abfolge von Bildern. Dabei sitzt der Graphic Recorder am Rande des Geschehens und fängt die Essenz des Gehörten mit den Markern ein.

In kleinen Gruppen wird die Bildgeschichte zum Schluss direkt auf Wänden angeordnet und vom Recorder auch verbal gespiegelt. In größeren Gruppen erfolgt dies aus Gründen der Sichtbarkeit besser mit einem digitalen Medium (Beamer). Diese Form, eine gemeinsame Geschichte sichtbar werden zu lassen, kann auch interagierend genützt werden, in dem einzelne Kärtchen abgewandelt oder ergänzt werden.

Template Recording

Templates sind (meist) großformatige Bildvorlagen, die für das Erkunden eines Themas herangezogen werden können. Der Graphic Recorder entwickelt dabei auf Basis an einer (im Rahmen der Auftragsklärung) vorab definierten Aufgaben- und/oder Fragestellung eine passende Metapher als eine Art „visueller Hintergrund“, die im Laufe des Gesprächs dann mit Inhalten „befüllt“ wird. Dieses „Befüllen“ kann entweder zeichnend durch den Graphic Recorder erfolgen oder auch von der Gruppe übernommen werden (Graphic Faciliation). In diesem Fall wird oft mit Post-It’s oder selbstklebenden Moderationskarten gearbeitet. Manchmal entstehen dabei auch seitens der Gruppe Zeichnungen oder Skizzen.

Metaphern nützen (positive besetzte) Quellerfahrungen, um ein Thema  zu erkunden. Das Sortiment an Bildern, das sich über die gewählte Metapher erschließt, eröffnet neue Sichtweisen auf unterschiedlichste Aspekte des Themas.

metaphern

So eignen sich Reisemetaphern (eine Bergbesteigung, eine Schifffahrt …) besonders für die Aktionsplanung. Landschaften (eine Oase in der Wüste, eine Wasserlandschaft …) sind hilfreich, wenn es gilt, Informationen zuzuordnen.

Fahrzeuge bieten reichhaltige Analogien zu Organisationsmodellen an (Hundeschlitten, Hochseedampfer…). David Sibbet, Visualisierer der ersten Stunde im englischsprachigen Raum, entwickelt mit seinem Unternehmen Grove Consultants Templates auf Basis von unterschiedlichen Mental Models.

Graphic Recordings: eine visuelle Sprache

Beim Visualisieren in dieser Form geht es nicht ums „Schönzeichnen“, sondern um das Abbilden wesentlicher Erkenntnisse, Aspekte, Ideen. Genau wie jede andere Sprache besteht die visuelle Sprache aus einem (visuellen) ABC, aus Grundformen und aus Mustern; aus einer Grammatik.

basis

Das Übersetzen des Gehörten in diese Sprachform erfordert viel Übung und die Fähigkeit, Gehörtes zu filtern und zu strukturieren. Eine wichtige Rolle dabei spielen Verbindungen – was ist innen, was außen, das dazwischen? Auf welchen Ebenen bewegt sich das Gespräch? Detail oder Vogelperspektive? Welches Muster beginnt sich abzuzeichnen?

Mein persönlicher Zugang zum Visualisieren

Das Recorden ist eine hoch konzentrierte, sehr herausfordernde Form zu kommunizieren. Es ist ein Dolmetschen, ein Übersetzen des roten Fadens, der wesentlichen Learnings in eine visuelle Form. Der Prozess des Recordens hat – ungeachtet des visuellen Outputs – viel mit Hin(ein)hören zu tun, mit dem Klang, der Melodie, die ein Gespräch entwickelt. Diese Melodie hat Einfluss auf die assoziativ entstehenden Formen und Bilder, die dann am Papier sichtbar werden.

Ich erlebe das Recorden als eine „dienende Aufgabe“: ich öffne mich für den Spirit einer Gruppe, stelle mich den Aufgaben, die es zu lösen gilt, der brennenden Frage, die gestellt wird, zur Verfügung.  Natürlich mit meinem persönlichen „Dialekt“ in der visuellen Sprache, mit meiner individuellen Form zu visualisieren, aber nicht um der „schönen Zeichnung“ willen. Gelingt dies, erlebe ich einen besonderen Flow: Wenn ich mit meinen Markern mit Hilfe von Bildern in das Feld, das sich in einer Gruppe aufgespannt hat, „eintauche“, in die Tiefe gehe und mich überraschen lasse von den Bildassoziationen, die in mir auftauchen um diesen Raum abzubilden.

 

 

Edith Steiner-Janesch

  • Ihre Firma Brightpicture hat ihren Sitz in Klagenfurt, Österreich.
  • Sie begleitet Prozesse in Gruppen und Unternehmen mit ihren Stiften und Markern und macht Ideen und Fortschritte sichtbar.
  • Ihre Illustrationen machen unser e-Book „Art of Hosting kurz und bündig erklärt“ lebendig. Es ist nach Eintragung der Mailadresse (siehe Spalte rechts) gratis von dieser Seite downloadbar.

 

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