Im Kreis sitzen: Circle als Urform der Kommunikation

In unserer Grundlagenserie wollen wir uns heute mit dem Kreis beschäftigen. Beim Schreiben wundere ich mich, warum wir das nicht früher getan haben. Schließlich steckt da so viel für Art of Hosting insgesamt drin. Mehr zu persönlichen Erfahrungen im und mit Kreisen demnächst hier auf dem Blog.

Die Wurzeln und Ursprünge

Kreis (engl. „Circle“) oder Council ist keine Erfindung von Art of Hosting, sondern eine uralte äußere Form für Gespräche: Sich um einen Mittelpunkt – wie etwa ein Feuer – treffen, Geschichten erzählen und so in einen guten Austausch einsteigen. In vielen Kulturen ist und war er universell zu finden, was Höhlenmalereien von vor über 35.000 Jahren belegen.

Mehr dazu im kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch „Circle: Die Kraft des Kreises“ von Christina Baldwin und Ann Linnea. Unter anderem die beiden tragen maßgeblich dazu bei, dass wir den Kreis zum Glück wieder entdecken und ihn mittlerweile in Unternehmen, verschiedenen Organisationen und Führungsgremien sowie in Schulen und für Familien einsetzen.

Was ist notwendig, um ein Kreisgespräch zu führen?

Das notwendige physische „Werkzeug“ ist denkbar einfach: Ein Redestück und eine Glocke reichen aus. Sie erleichtern die Konzentration und das Zuhören. Was den Kreis, wie wir ihn im Rahmen von Art of Hosting verstehen, sonst noch formt, sind die folgende Elemente:

Intention

Die Intention entscheidet darüber, wer kommt. Sie zu setzen braucht Zeit, mündet in die Einladung und beinhaltet oft eine Frage. Welchen Ton diese anschlägt, das führt zur „Musik“, die der Kreis spielt. Sie klärt den Grund, was von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erwartet wird und das Wie? Daneben braucht es einen Vorrat an Vertrauen in den Prozess, Beharrlichkeit und Zeit.

Die Mitte

Die Gestaltung der Mitte soll dazu einladen, in eben diese Mitte zu sprechen und zu hören, was aus ihr kommt. Sie nimmt auf und dort ist Platz für Objekte, die für die Gruppe Bedeutung haben

Check-in und Check-out

Eine gute Check-in-Frage bündelt die Aufmerksamkeit rund um den Zweck des Treffens und erhöht die Konzentration dafür. Diese Frage zu finden, braucht oft – ebenso wie jene der Einladung – viel Zeit. Im Unterschied dazu hat der Check-out die Aufgabe, den Kreis zu schließen und das Gespräch abzuschließen.

Die Vereinbarungen

Die zu Beginn getroffenen Vereinbarungen stellen sicher, dass das Gespräch vertraulich bleibt und ohne zu urteilen zugehört und gesprochen wird. Ein wesentlicher Grundsatz ist dabei: „Jeder bittet um das, was er bzw. sie braucht, und gibt, was gegeben werden kann.“

Was auch vereinbart wird, ist die Form der Entscheidungsfindung. Das kann eine Abstimmung am Ende, die Konsensfindung oder eine Daumenabstimmung sein.

Prinzipien und Praktiken

Die Führung im Kreis wird im Wechsel von unterschiedlichen Teilnehmern wahrgenommen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer tragen gemeinsam die Verantwortung für das Funktionieren des Gespräches. Das Vertrauen in die Ganzheit zeigt, dass der Kreis mehr ist als die Summe seiner Einzelakteure.

Aufmerksames Zuhören wird ergänzt durch absichtsvolles Sprechen. Die ständig präsente Frage dabei ist: „Ist das, was ich sagen will, von Relevanz für unser Thema?“ Das Wohlergehen der Gruppe und der Zweck des Gesprächs, für die alle Verantwortung tragen, sind dabei oberste Maxime.

Dreieck von Host, Wächter (Hüter) und Schreiberin

Der oder die Hosts eines Kreises sind die Gastgeber und tragen Sorge für das Ambiente sowie eine eventuelle Tagesordnung. Der Wächter (oder Achtgeber, wie die Übersetzung von „guardian“ im Buch von Ann und Christina heißt). Diese Person hat Zeit und die Energie der Gruppe im Blick und meist die Glocke oder Zimbeln in Griffweite. Sie kann einen Moment der Stille „einklingeln“, um die Energie zu sammeln, das Tempo zu verlangsamen oder einen Moment zum Durchatmen nach einer berührenden Wortmeldung zu ermöglichen. Host und Wächter leiten den Kreis gemeinsam und transparent.

Möglicherweise gibt es noch eine Schreiberin oder einen Schreiber, unter Umständen eine Person, die für die Ernte zuständig ist. Dabei geht es darum, das Wesentliche an Erkenntnissen und Entscheidungen festzuhalten und nicht darum, ein Wortprotokoll zu schreiben.

Die Sitzordnung ändern heißt die Welt ändern

Schon allein das Sitzen im Kreis schafft eine ganz neue Wahrnehmung: Alle, die teilnehmen, sehen sich plötzlich. Ganz im Unterschied zu einer Kinobestuhlung oder um eckige Tische. Die Intensität von Zuhören und Sprechen nimmt zu. Ich sage manchmal scherzhaft, dass ich immer noch als Möbelpackerin arbeiten könnte, weil es sehr oft so ist, dass wir vor dem Start eines Kreises als Hosts selbst den Stuhlkreis erst aufbauen müssen.

Ist der Raum dann auch energetisch etabliert, ist wieder einmal klar, dass sich das „Sesselrücken“ gelohnt hat. Ist das „soziale Gefäß“, das der Kreis ist, stark genug, dann kommen mehr als ein Mal die Lösungen von unerwarteter Seite.

Wo wird der Kreis verwendet?

Meistens ist der Kreis ein Teil von Veranstaltungen, die Art of Hosting als Betriebssystem haben. Oft sind dies Anfang und Ende (Check-in und Check-out). Der Kreis kann aber auch das alleinige Element sein, etwa mit Geschichten, mehreren Runden oder einem Dialog nach dem Check-in in der Gruppe.

Immer mehr werden Kreise auch virtuell – also per Skype oder über eine andere Form von Videokonferenz – oder in Telefonkonferenzen verwendet. Das ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, folgt dann aber den gleichen – angepassten – Regeln und funktioniert.

Schatten und Heilung

Im Buch „Circle: Die Kraft des Kreises“ widmen Ann und Christina den Themen Schatten und Heilung breiten Raum. Schatten verstehen sie dabei im Sinne von verdrängten Persönlichkeitsanteilen, wie sie Jung beschreibt. Starke Kreise lassen auch diese aus dem Unterbewussten auftauchen.

Außerdem können Wut, Drama, Kritik, Konfrontation, Konflikte ebenfalls auftauchen. Ist er gut gehalten, dann kann er Heilungsprozesse ermöglichen und unterstützen. Angesichts der vielen Fragen und Verwerfungen in unserer Gesellschaft eine Funktion, die wohl noch mehr gebraucht wird und deren Möglichkeiten sicherlich noch nicht ausgeschöpft sind.

 

Meine persönliche Geschichte mit Kreisen und darüber, was mich so an ihnen fasziniert, erzähle ich euch bald mehr.

Lasst uns gemeinsam Räume für gute Gespräche – und gute Kreise – schaffen,
Ilse

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