Was kann dieses „Art of Hosting“? Und wo wird es praktisch verwendet?

Gute und sinnstiftende Gespräche bringen uns in allen Bereichen weiter. In Zeiten, wo wir viel von „Krise“ hören, wohl noch einmal mehr. Und hier kommt Art of Hosting mit seinem Mehrwert ins Spiel. Es leistet einen Beitrag dazu, dass Wirtschaft, gesellschaftliche Strukturen und unser Leben insgesamt (wieder) dem Menschen gerechter werden. Zur Inspiration liste ich euch heute einige Beispiele quer durch den Gemüsegarten auf: Verwaltung, Betriebe, Vereine, Kirchen und  Veranstaltungen. Und es hat sich in den vergangenen Jahren etwas ganz Zauberhaftes aus den Gesprächsmethoden heraus entwickelt: die Salons.

Verwaltung

Europäische Kommission

Hierarchien haben ihr Gutes, wenn die jeweiligen Menschen ihren Platz voll ausfüllen. Geht es aber darum, neue, innovative Ideen zu spinnen und aus dem Dreieck der Hierarchie hinaus zu denken, dann brauchen wir etwas Neues. Das wird zum Beispiel in der Europäischen Kommission  praktiziert. Dort sind von den über 33.000 Mitarbeiter mittlerweile an die 1200 durch Trainings, in denen Art of Hosting und partizipative Methoden gelehrt, geübt und gleich auch selbst erfahren werden, gegangen.

Wenn ich als Außenstehende zu einem Prozess dort dazu komme, weiß ich natürlich meist nicht, wer welche Funktion im Organigramm besetzt. Genau das ist das Faszinierende: Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen als Menschen, tragen bei, was sie können und das Ergebnis ist am Ende ein Gutes. Gerade diejenigen, die in der formalen Hierarchie höher angesiedelt sind, genießen es oft sehr, sich auch einmal zurücklehnen zu dürfen, zuzuhören, Fragen zu stellen und einfach einmal nicht diejenigen sein zu müssen, die alles im Griff haben und wissen.

Und von den Praktikanten kommen dann unter Umständen die frischen Ideen. Der Bogen der Themen spannt sich dabei von einem Teambuilding, Treffen mit den Mitgliedstaaten bis hin zu so konkreten Fragestellungen wie „Wie soll sich die KMU-Politik der Kommission in den nächsten fünf Jahren entwickeln?“.

Zukunftsbüro Vorarlberg

Einen besonderen Platz in der Verwaltung eines Bundeslandes nimmt das Büro für Zukunftsfragen in Vorarlberg ein. Dort werden Initiativen gebündelt und Beteiligungsprojekte im ganzen Land initiiert, begleitet und mit Fachwissen aus Art of Hosting versorgt. Vorarlberg hat auch dadurch eine einzigartige Stellung, dass es seit Februar 2012 eine konkrete juristische Grundlage für Beteiligungen in der Landesverfassung hat. Auf dieser Grundlage werden dort z. B. regelmäßig Bürgerräte veranstaltet.

In diesen zweitägigen Veranstaltungen diskutieren zwölf bis 16 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger entweder über ein vorgegebenes Thema – wie zum Beispiel Bildung oder Nachbarschaft – oder Landtag und Landesregierung wollen wissen, was gerade unter den Nägeln brennt. Die Besonderheit dieses Formates durfte ich selbst gemeinsam mit Kollegen Friedl Veider in Kärnten schon umsetzen.

Politische Veranstaltungen

Wie in der Verwaltung und Politik geht es auch bei Veranstaltungen unterschiedlicher Art zunehmend darum, sie anders aufzusetzen, damit möglichst alle einbezogen werden, ihre Erfahrung und ihr Wissen nicht brach liegt. Das Bild von Menschen in Meetings oder bei Vorträgen, die gelangweilt ihr Telefon bearbeiten, kennen sicher viele.

Ein Beispiel für eine gehostete Großveranstaltung war der Innovationsdialog der Innovationsstiftung für Bildung in Wien mit über 300 Teilnehmern. Hätten wir da die Expertise, die im Raum war, nicht genutzt, wären die Teilnehmerinnen und Teilnehmer frustriert nach Hause gegangen und das Ergebnis der Gespräche wäre nicht so reich, bunt und tiefgründig.

Kirchen

Trainings gab es in jüngster Zeit auch einige im kirchlichen Umfeld. Mir fällt dazu immer wieder das Bild vom Letzten Abendmahl ein: Jesus versammelt seine Jünger im Kreis. Vor allem der (reform-)kirchliche Bereich nutzt AoH als neues „Betriebssystem“, um damit aktuelle Fragestellungen, Veränderungsnotwendigkeiten und Herausforderungen anders als bisher – und unkonventionell – zu bearbeiten und anzugehen. Ein ganz konkretes Beispiel dafür ist die österreichische Pfarrerinitiative, die seit mehreren Jahren von Holger Heller und Team (Waltraud Heller, Rainer von Leoprechting, Pamina Haussecker, Martin Büchele, Anja von Klitzing) begleitet wird.

Salons

Eine Idee, die auch auch dem Art of Hosting heraus entstanden ist, ist der Salon. „Salon 2.0“ nennt es Ursula Hillbrand, die Gründerin des Bregenzer Salons, von dem viele Impulse für den gesamten deutschsprachigen Raum ausgehen. Diese Salons knüpfen an die jahrhundertealte Tradition eines Treffpunkts für ganz unterschiedliche Menschen an und wenden heutzutage Methoden des Gastgebens nach Art of Hosting an. Das ist das Neue daran, 2.0 eben.

Das Besondere ist, dass dabei ein Raum entsteht, der weder ganz öffentlich, noch ganz privat ist und Menschen, Ideen und Themen ad hoc und für einen Abend zusammen bringt. Mittlerweile gibt es Salons in Innsbruck, Köln, München, Südtirol, Graz, Wien und im Waldviertel.

Die einzelnen Menschen und ihre privaten Räume

Gastgeben ist aber natürlich nicht nur etwas, das sich auf den beruflichen und außerhäuslichen Bereich bezieht. Gutes Hosting ist auch ein Gewinn für Familien und Freundeskreise, für Feste und spontane Runden: Wenn wir uns gut aufgenommen und umsorgt fühlen, können wir mehr und Tieferes beitragen, wovon wieder alle profitieren. Vor allem ein Teil des Art of Hosting, nämlich das Gastgeben für sich selbst – sich selbst ein guter Gastgeber, eine gute Gastgeberin sein – ist etwas, von dem wir tagtäglich und in jedem Moment profitieren können.

Auch wenn – wie in der Kommission – nicht alle Hosts auch regelmäßig formell in eine Gastgeber-Rolle für Gespräche schlüpfen, so hat es doch auch für sie etwas bewirkt: Sie wissen, dass man anders miteinander reden kann, dass es ums Zuhören geht und dass die Entscheidungsfindung unter Einbeziehung von mehreren am Anfang vielleicht aufwändiger ist, dann aber auch eine breitere Basis hat. Es setzt sich mehr und mehr die Überzeugung durch, dass es mehr kostet, weniger nachhaltig ist und am Ende auch länger dauert, Entscheidungen und vor allem Veränderungen ohne oder gegen die betroffenen Menschen zu planen und durchzusetzen.

Lasst uns gemeinsam Räume für gute Gespräche schaffen,

Ilse

P. S.: Das hier ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was sich gerade tut. Ich freue mich über Ergänzungen in den Kommentaren hier unten.

 

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