Wann Hosts besser Nein sagen zu einem Auftrag

Art of Hosting kann viel und verändert Grundlegendes. Gleichzeitig gibt es aber auch Situationen und Konstellationen, in denen es besser ist, etwas anderes einzusetzen. Hier folgt eine nicht erschöpfende Aufzählung von Fällen, in denen AoH keinen Mehrwert leistet oder nur als Feigenblatt dienen würde. Dann ist es besser, als Auftraggeberin oder Auftraggeber andere Kompetenzen einzuladen. Und Hosts, die gefragt werden, müssten dann konsequent Nein sagen und den Auftrag ablehnen.

Welche Fälle zählen nun dazu?

Wenn die brennende Frage fehlt

Wenn die Frage nach dem Warum überhaupt nicht beantwortet werden kann – und das auch nach vielen Fragen und Hineinspüren. Das ist vermutlich deshalb der Fall, weil es keinen Druck gibt, etwas zu verändern. Konsequenterweise braucht es dann auch einen solchen Prozess nicht. Dann fehlt schlicht und einfach der Purpose.

Weil es gerade en vogue ist

Nur deshalb, weil Partizipation allerorten erwähnt wird, ist das kein ausreichendes Warum, um AoH einzusetzen und einen Prozess anzuleiern, der ohne Inhalt bleiben wird. Diese Überlegungen gibt es manchmal bei politischen Entscheidungen im engeren Sinn: Warum nicht das Ganze mit einem Beteiligungsetikett versehen, um es gegenüber Bürgerinnen und Bürgern und Medien leichter zu verkaufen.

Wenn noch Geld vorhanden ist

Das kommt manchmal am Jahresende vor: Geld soll ausgegeben werden, damit es nicht im kommenden Jahr gestrichen wird. Das ist an sich ein Ziel, das verfolgt werden kann, keine Frage. Ist das aber der einzige Grund, ein Event oder eine Konferenz zu organisieren, dann bitte nicht mit AoH. In einem solchen Fall soll besser an etwas anderes gedacht werden, etwa eine kulturelle Veranstaltung oder etwas, das dem Team gut tun.

Wenn die Frage einfach oder kompliziert ist

AoH ist etwas, das Wunderbares in komplexen Situationen leistet. Ist die Situation aber einfach oder kompliziert, dann können das andere Zugänge besser. Die Frage, wie man eine Herzoperation abwickelt, ist keine, die co-kreativ angegangen wird. Sie braucht jemanden, der oder die dafür ausgebildet ist. Bei der grundsätzlichen Einordnung hilft uns Cynefin. Art of Hosting wirkt im komplexen Bereich und das ausschließlich.

Wenn der Spielraum fehlt

Wenn kein Spielraum für Veränderungen da ist, dann ist es sinnlos einzuladen, dann ist das  kein ehrlicher Beteiligungsprozess. Das heißt nicht, dass es in jedem Verfahren Grenzen und Beschränkungen gibt, dich sich aus dem Faktischen, den Finanzen oder gesetzlichen Vorgaben ergeben. Die müssen am Anfang abgeklärt werden. Das ja, aber darüber hinaus muss immer noch eine Frage bestehen bleiben, die durch die Teilnehmer bearbeitet wird. Dazu wird eingeladen.

Wenn einer die Lösung schon kennt

Ist eine Entscheidung schon gefallen und kommt danach ein Beteiligungsverfahren, dann hat AoH da ebenfalls nichts verloren. Es ist kein Marketinginstrument, um Entscheidungen zu verkaufen. Das können andere besser. Wird aber ein pro forma-Verfahren abgeführt, das Partizipation vorgaukelt, dann ist das kein Einsatzbereich von AoH.

Wenn eine Person die Welt erklären soll

Wird viel Geld in das Engagement eines Speakers investiert, dann stellt sich die Frage, welchen Mehrwert AoH in dem Kontext noch bringen kann. Ist der Purpose der Veranstaltung, Wissen und Erfahrung von einer Person zu teilen (was natürlich auch legitim ist!!), dann fehlt meist der Platz dafür, das Publikum wirklich und ehrlich einzubeziehen. Dann ist es besser, von Anfang an zu klären, um welches Form es sich handelt. Dann ist niemand enttäuscht, weil er oder sie sich nicht einbringen kann.

Wenn der Auftraggeber klassische Moderation mag

Hat der Auftraggeber oder die Auftraggeberin das Bild von einer Diskussion mit einer Moderation wie im Fernsehen vor Augen, dann ist AoH auch kein Zugang. Eine Diskussion dieser Qualität bleibt meist auf der Ebene hängen, auf der es um den Wettstreit der Argumente geht. Wenn das der Mehrwert ist, der gewünscht wird, dann ist die Veranstaltung bei einen Moderator, der genau darauf trainiert ist, besser aufgehoben.

Wenn es keine Zeit gibt

Am Anfang braucht es Zeit, um die Auftraggeber zu coachen und dann die Beteiligten auf diese Reise mitzunehmen. Das ist für viele scheinbar unproduktive Zeit. Sie dient aber zum Aufbau von Beziehungen, Hineinspüren, Entwerfen. Diese Grundlage sichert eine solide Basis – und letztlich sehen wir immer wieder, dass man sich diese Zeit später spart, weil es einfach schneller geht. Wenn nun eine allzu schnelle Lösung gewünscht wird, einfach damit eine da ist, dann ist AoH fehl am Platz.

Unsere Verantwortung als Hosts: Nein sagen

Je länger ich mit AoH arbeite, desto klarer wird mir die Verantwortung, die auf unseren Schultern als Hosts lastet – und zwar den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gegenüber. Natürlich starten wir für den Caller oder die Auftraggeber, wenn es aber um die konkrete Arbeit in der Gruppe oder dem Event geht, dann wandert der Fokus zu denen, die beitragen, und das im Sinne des Purpose tun.

Daher sehe ich mehr und mehr, wie wichtig es ist, verantwortungsvoll und respektvoll mit der Zeit, der Energie, der Erfahrung und dem Herzblut der Teilnehmerinnen und Teilnehmer umzugehen. Das ist sicherzustellen, schließlich ist es deren Lebenszeit, die wir möglichst bedeutsam und „meaningful“ nutzen möchten.

Dazu zählt auch, ihre Beiträge nur zu Fragen zu erbitten, die wirkliche Fragen sind und einer Antwort harren. Dinge, die nicht verhandelt werden können, weil einer der Gründe oben vorliegt, müssen von Anfang an klar sein und deshalb auch ausgeklammert. Dann müssen wir Hosts lernen, Nein zu sagen :-).

Lasst uns gemeinsam Räume für gute Gespräche schaffen,

Ilse

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